Heute geht es um ein Thema, das mir über die Jahre graue Haare, unnötig viel Geld und trotzdem jede Menge Spaß beschert hat: meine Kamera- und Objektivkäufe – und warum ADHS dabei eine größere Rolle spielt, als mir lange lieb war.
ADHS verbinden viele immer noch mit dem berühmten „Zappelphilipp“: einem hyperaktiven Kind, das sein Umfeld in den Wahnsinn treibt. Doch das Spektrum dieser neurologischen Entwicklungsstörung ist deutlich breiter und betrifft natürlich auch Erwachsene. Nicht jeder rutscht unruhig auf dem Stuhl hin und her – bei vielen spielt sich die Unruhe vor allem im Kopf ab.
Die „ADHS-Steuer“ und ihre versteckten Kosten
Und dann gibt es noch weitere ADHS-Symptome, die kaum jemand auf dem Schirm hat, der nicht selbst betroffen ist oder sich intensiver mit dem Thema beschäftigt. Dazu zählen unter anderem emotionale Dysregulation, Impulsivität, Vergesslichkeit und Unaufmerksamkeit.
Danke lieber Gott, ich bin mit allem davon „gesegnet“. Das bringt eine ganze Reihe von Alltagsproblemen mit sich – nicht nur zwischenmenschlicher Natur. Es gibt sogar den Begriff der „ADHS-Steuer“. Gemeint ist damit, dass Betroffene durch Unordentlichkeit (Dinge verlegen), verpasste Fristen (z. B. Rechnungen zu spät bezahlen) und nicht zuletzt durch Impulskäufe unfreiwillig und indirekt extra zur Kasse gebeten werden.
Um jetzt die Kurve zur Fotografie zu bekommen: Impulsives Kaufen von Kameras und Objektiven hat mich über die letzten rund 15 Jahre eine Menge Geld gekostet.

Bei ADHS ist es oft so, dass kleinste Störungen im eigenen Mikrokosmos große Auswirkungen auf das Wohlbefinden haben. Dann wird gehandelt. Ich korrigiere mich: Es muss gehandelt werden. Und ist dieser Mechanismus einmal in Gang gesetzt, lässt er sich kaum noch stoppen.
Ein Beispiel: Nikon bringt eine neue Kamera auf den Markt. Ich schaue mir ein paar YouTube-Reviews an und bin unter Umständen direkt angefixt. Parallel dazu versucht mein Hirn bereits, das Haar in der Suppe meines aktuellen Kamera-Setups zu finden. 24 Megapixel? Plötzlich zu wenig. Auslösegeräusch? Unerträglich. Handling? Viel zu groß. Alles schon erlebt.
Danach trete ich in die Phase ein, in der ich mich immer tiefer in das vermeintlich krasseste neue Kameramodell einlese und Stunden auf YouTube verbringe, um mir jeden noch so kleinen Fakt anzueignen. Wenn ich ehrlich bin, ist in dieser Phase die Entscheidung längst gefallen: Ja, ich muss diese Kamera haben.
Wenn Dopamin die Regie übernimmt
Dopamin spielt dabei eine entscheidende Rolle. ADHS-Gehirne sind ständig auf der Suche nach neuen Reizen, nach diesem kurzen Kick aus Motivation und Interesse. Neue Technik liefert ihn zuverlässig, aber nur für eine gewisse Zeit. Wenn der Dopamin-Schub nachlässt, kommt die Langeweile. Und das, was eben noch begeistert hat, fühlt sich plötzlich nicht mehr ausreichend an.
Als Nächstes folgt das Kalkulieren: Was kann ich verkaufen, um den Kauf zu finanzieren Interessanterweise bin ich nämlich nicht der Typ, der ungebremst Geld aus dem Fenster wirft und sich verschuldet. Im Gegensatz zu vielen anderen ADHSlern rechne ich sehr genau durch, ob ich es mir leisten kann, zum x-ten Mal das Kamerasystem zu wechseln – inklusive aller Folgekosten. Denn es bleibt ja nicht bei der Kamera allein: Mindestens ein Objektiv muss her (außer vielleicht bei einer Fujifilm X100VI), dazu kommt diverses Zubehör.

Zwischen Vernunft, Rechtfertigung und schlechtem Gewissen
Deshalb würde ich mich selbst nicht als klassischen Kaufsüchtigen bezeichnen. Ich weiß sehr genau, was ich tue. Ist es deswegen immer vernünftig? Natürlich nicht. Eine Kamera kostet nun mal keine 10,50 €, sondern schnell einen Tausender oder mehr, selbst wenn ich sie gebraucht kaufe. Am aufreibendsten ist dabei die Rechtfertigungsphase – vor mir selbst und vor meiner Partnerin.
Wie oft saß ich schon da und grübelte, wie ich einen geplanten Impulskauf – der streng genommen gar nicht klassisch impulsiv ist, weil zwischen Idee und Anschaffung meist ein bis drei Wochen liegen – schlüssig begründen kann. In der Vergangenheit war das ein echtes Problem und hat mir nicht selten schlaflose Nächte bereitet.
Mittlerweile geht sie glücklicherweise sehr entspannt mit dem Thema um. Das ist wohl das Resultat von 20 Jahren Zusammensein: Man lernt, mit den „Macken“ des Partners zu leben, solange sie weder gefährlich noch existenzbedrohend sind. Ich bin ihr sehr dankbar dafür, dass sie mich nicht verurteilt, wenn ich mir mal wieder etwas in den Kopf gesetzt habe, das ich ganz dringend zu brauchen glaube.
Selbstakzeptanz und Medikation
Was waren also die Stellschrauben, die mir persönlich am meisten geholfen haben, nur noch jedem zweiten (oder anderthalben) Impuls nachzugeben?
Einerseits war es die ADHS-Diagnose im Jahr 2022 und das damit verbundene Verständnis für mich selbst. Ich habe gelernt, mich besser zu akzeptieren und dass ich kein schlechtes Gewissen haben muss, wenn ich doch einmal „schwach“ werde.

Andererseits nehme ich Medikamente zur emotionalen Regulation sowie für Konzentration und Aufmerksamkeit. Ohne pathetisch klingen zu wollen: Die Kombination aus Atomoxetin und Elvanse hat mir buchstäblich das Leben gerettet und mich aus einer Depression geholt. Das wiederum hat sich positiv auf alle Lebensbereiche ausgewirkt. Ich bin nicht geheilt – Downphasen ereilen mich weiterhin ab und zu – aber ich gehe bewusster durchs Leben.
Fotografie als Investition in mentale Gesundheit
Fotografie gibt mir unglaublich viel. Es ist keine Schwäche, Geld für mein liebstes Hobby auszugeben – es ist eine Investition in meine mentale Gesundheit. Habe ich eine schöne Kamera, die gut aussieht, hervorragend in der Hand liegt und ein befriedigendes „Klick“ macht, fühle ich mich wohl.
Falls es dich interessiert: Aktuell fotografiere ich mit der Fujifilm X-T5* – zum ersten Mal seit Jahren eine Kamera, bei der ich nicht sofort nach Alternativen suche.
Und dann nehme ich sie auch öfter in die Hand, gehe raus, fotografiere – in der Stadt oder in der Natur. Ich setze mich gern einfach in den Zug nach Berlin und streife durch die Straßen. Oder ich fahre zum Fotografieren vier Stunden von Dresden nach Erfurt, wofür mir andere einen Vogel zeigen.
Meine Bilder verkaufe ich unter anderem auf der Plattform Juniqe. Das ist eine Plattform, die Druck, Versand und Abwicklung übernimmt – ich erhalte dafür eine Provision pro Verkauf. Fotografie ist damit nicht mehr nur ein reines Hobby, sondern trägt inzwischen auch zu einem kleinen Teil zu meinem Lebensunterhalt bei.
Mein Fazit lautet also: Ich werde weiter Kameras kaufen – aber mit mehr Bewusstsein und Verantwortung im Hinterkopf. Der Rest wandert in den ETF. Der Zukunft zuliebe.
Der Friedhof meiner Kamerakäufe:
- Canon EOS 450D
- Canon EOS 700D
- Panasonic Lumix GX80
- Nikon Z6
- Olympus E-M5 Mark III
- Olympus E-M1 Mark II
- Olympus E-M10 Mark IV
- Panasonic Lumix S5
- Panasonic Lumix GX9
- Fujifilm X100V
- Sony A7IV
- Fujifilm X100VI
- Nikon Z5 II
- Aktuell: Fujifilm X-T5 (endlich die „perfekte“ Kamera für mich?)
Und jetzt interessiert mich: Erkennst du dich in manchen Punkten wieder – oder sieht dein persönlicher „Friedhof der Käufe“ ganz anders aus?








